Die ‚den-neuen-Vorderreifen-einfahren‘-Tour

Am 11-Mai ging das Gelbschen ja (wieder mal) zur Reha. Dieses Mal eben Lenkkopflager, vordere Bremsbeläge und ein neuer Vorderreifen. Aufgrund von Lieferverzögerungen bekam ich es erst am 12-Mai zurück. Allerdings nicht zum selber abholen, sondern geliefert. Ich hatte niemanden, der mich auf Zuruf nach Schongau hätte fahren können. Außerdem wäre mit dem Zug nach Schongau fahren und dem Taxi zu BMW auch nicht günstiger gewesen.

Als der Transporter ankam, regnete es heftig und so war ich wirklich froh um die Lieferung. Wir haben das Gelbschen dann in die Tiefgarage geschafft und dort musste es leider stehen bleiben. Ursprünglich war geplant gewesen, mit ihm über Pfingsten nach Frankfurt zu fahren. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Entscheidung, es nicht zu machen, goldrichtig war. Laut Deutschem Wetterdienst war der Freitag im Großraum um Frankfurt der nasseste Teil Deutschlands dieses Tages.

Nass, nasser, Frankfurt

Zum anderen bin ich bisher eine so lange Strecke noch nie alleine gefahren. Daher stand nach Pfingsten der Plan, mich selber auf eine möglichst lange Fahrzeit zu trainieren. Wettertechnisch war nur leider irgendwie der Wurm drin. Und so kam ich erst gestern dazu, den neuen Reifen einzufahren.

Der ursprüngliche Plan war, Altötting zu besuchen. Aber im Laufe des Vormittags war klar, dass ich das zeitlich nicht schaffen würde. Die Richtung wollte ich aber beibehalten. Aus gutem Grund. Ich lebe nun schon 28 Jahre in Oberbayern, aber das bayrische Inntal habe ich bisher noch nie besucht. Weder mit dem Auto, noch mit dem Zug. Und mit dem Motorrad schon gar nicht. Warum also nicht jetzt? Das Wetter war perfekt. Sonnig, aber nicht zu warm.

Bis Irschenberg kannte ich die Strecke, daher konnte ich ohne Kartenunterstützung losfahren. Ich bin bekennende Kartenbenutzerin. Ja, natürlich besitze ich ein Navi. Aber für was? Die wenigsten halten stundenlang durch. Und wasserdicht sind auch die wenigsten. Klar, das sind Papierkarten auch nicht, aber die funktionieren ohne Strom. Und so habe ich immer die nötigen Karten im Tankrucksack.

Kurz hinter Waakirchen waren die ersten 45 Minuten Fahrtzeit vorbei. Und da mir mein Fahrlehrer immer (und immer und immer) wieder gepredigt hat, genug Pausen zu machen, habe ich mir eine Stelle gesucht, an der ich in Ruhe eben diese erste Pause machen konnte. Als ich am Kreisverkehr ein Hinweisschild auf das Schaftlacher Kreuz sah, war das ein Tipp, dem ich natürlich nachgehen wollte. Der Ortsteil Schaftlach selber wurde 1015 erstmals erwähnt und aus dieser Zeit stammt auch das Schaftlacher Kreuz in der Heilig-Kreuz-Kirche (sieh auch HIER).

Das besagte Kreuz hängt übrigens links an der Wand.

Über ein paar kleinere Straßen ging es dann zurück auf die B 472 und weiter Richtung Miesbach. Unterwegs liegt in Dürnbach direkt an der Straße das Durnbach War Cemetery and Cremation Memorial, eine zentrale Kriegsgräberstätte, auf dem 2.960 Gefallene des Zweiten Weltkrieges bestattet wurden. Nachdem ich in Frankreich auf dem Rückweg von Paris in der Gegend um Verdun sehr viele davon bemerkt habe, musste ich mir das mal aus der Nähe anschauen.

Im Nachgang zum damaligen Urlaub hatte ich gelesen, das jeder Friedhof, der durch die Commonwealth War Graves Commission entworfen und gebaut wurde, nach eindeutigen Gestaltungsregeln und Bauvorschriften konzipiert ist. Diese wurden bereits 1917 festgelegt und unterliegen einer strengen Ausführung. Das hat zur Folge, dass sich die Soldatenfriedhöfe der CWGC in ihrer architektonischen und baulichen Darstellung immer gleichen. Alle Ehrenfriedhöfe sollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, denn sie sollen als Verbindung zwischen den Lebenden und Toten dienen. (Klick) Also kann man sagen, das dieser stellvertretend für alle Kriegsgräberstätten steht.

Auch für Kriegstote gibt es Gästebücher. Nur – ob die die auch lesen?

Kurz vor Irschenberg ging die gelbe Lampe an. Das Gelbschen wollte gefüttert werden. Natürlich hätte ich das auch später erledigen könne, aber jetzt begann der Streckenteil, den ich noch nicht kannte. Und den wollte ich entspannt fahren.

Faszinierend für mich war die Straße hinter Irschenberg. Irschenberg liegt auf einem Höhenrücken (730 m) aus mächtigen Rand- und Endmoränen, die eiszeitliche Gletscher hinterlassen hatten, über dem Tal der Mangfall. Die Steigungen und Gefälle liegen zwischen 7 % und 18 %. Die Sicht ins Mangfalltal ist unglaublich. Man sieht das Rosenheimer Becken als völlig flache Topographie.

„Unten“ angekommen war es schon merkwürdig, auf einmal in so einer flachen Ebene zu fahren. Platt, einfach nur platt. So platt, wie ich es aus Norddeutschland kenne. Man hat es auch an den Temperaturen gemerkt. In diesem Becken ist weniger Luftbewegung, als in dem Streckenabschnitt zuvor. Außerdem war die Luft feuchter, was natürlich auch durch die vielen Flüsse, Seen und Moore bedingt ist. Eine sehr feuchte Ecke.

Bei Götting musste ich mich für eine Richtung entscheiden. Aber da ich ja eh vorgehabt hatte, Richtung Altötting zu fahren, war klar wo es lang ging. Beim ersten Lesen des Straßenschildes musste ich allerdings grinsen … ich hatte Göttin gelesen.

Die Orte Bruckmühl, Bad Aibling, Kolbermoor und Rosenheim gehen entlang der Mangfall fast nahtlos ineinander über. Wobei die Aussicht auf den Alpenkamm wunderschön ist. Leider konnte ich aufgrund des Samstagnachmittagsverkehrs nicht anhalten, um zu fotografieren.

Der nächste Halt war in Kolbermoor. Direkt an einer Ampel konnte ich eine Werbung für ein neu eröffnetes Café sehen, was auch sehr einladend aussah. Und es sollte mich nicht enttäuschen. Das „Brotkaffee“ ist ein echter Geheimtipp. Und die Macha-Grüntee-Torte war ein Traum.

Frisch gestärkt ging es weiter nach Rosenheim. Es war nur etwas nervig, das die Beschilderung an entscheidenden Stellen, sagen wir mal … suboptimal war. Ja, es gab ein Hinweisschild zu einer Schnellstraße. Das das aber die von mir gesuchte B 15 war, stand nicht auf dem Schild. Und so musste ich einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, der mich dann aber auf die angebliche „Schnellstraße“ führte – mitten durch das Rosenheimer Zentrum. Bis auf die sensationell idiotischen Ampelschaltungen war es aber Ok. Diese Ampelschaltungen nennt der geneigte Motorradfahrer „Fußschaltung“. Sie springen erst dann um, wenn der Motorradfahrer garantiert den Fuß auf dem Boden hat. Aber auch solche Orte sind irgendwann zu Ende und man hat wieder frei Fahrt.

Von Rosenheim bis Rott am Inn sind es nur 16 km. Aber trotzdem ein guter Zeitpunkt eine erneute Pause zu machen. Das dortige ehemalige Benediktiner-Kloster beherbergt, unter anderem, die sterblichen Überreste von Franz Joseph Strauß und seiner Frau Marianne.

Die beiden habe ich allerdings nicht besucht, nur die Kirche. Die Anfänge des Klosters reichen in das späte 11. Jahrhundert zurück. Die Pfarrkirche ist dem hl. Marinus und dem hl. Anianus geweiht (Klick auch HIER). Von den beiden hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. Naja, Motorradtouren bilden eben. Die Wallfahrtskirche Wilparting steht inzwischen auch auf meiner To-Do Liste.

Klosterkirche hl. Marinus und hl. Anianus

Als ich wieder aus der herrlich kühlen Kirche herauskam, musste ich feststellen, dass es doch viel wärmer war, als gedacht. Da ich zu diesem Zeitpunkt fast am weitest entfernten Punkt angekommen war, musste ich mir überlegen, wie ich zurück fahren wollte. Also habe ich Wasserburg gedanklich ein anderes Mal verschoben.

Über kleine Staatsstraßen ging es durch den Landkreis Ebersberg weiter Richtung Aßling. Dieser Ort ist vor allem Bahnschraten bekannt, da sich hier am 16. Juli 1945 ein schweres Zugunglück mit mehr als 100 Toten ereignete. Auch hier, wie beim Zugunglück 2016 in Bad Aibling war es ein Fehler des Fahrdienstleiters (Transportoffiziers). Im Gegensatz zum Bad Aiblinger Eisenbahnunfall von 1945, welches auf technischen Problemen basierte.

Verdammt, warum speichert mein Hirn so einen unnützen Kram?

Jedenfalls habe ich in Aßling die Abzweigung Richtung Glonn verpasst und bin weitergefahren Richtung Kirchseeon. Gut, auch hier hätte es eine Abkürzung gegeben, aber ich hatte mich entschieden, auf der B304 zu bleiben. Kirchseeon liegt an der S-Bahn-Strecke zwischen Tutzing („meine“ Seite) und Grafing/Bahnhof. Hier fand Anfang Mai 2016 die schwere Messerattacke am S-Bahnhof statt.

Genug abgeschweift.
Womit ich nicht gerechnet habe, war die Tatsache, dass diese B304 ersten einfach nur geradeaus geht und zweitens unfassbar viele, grauenhaft geschaltete Ampeln hat. Man fährt schnurgerade durch die Münchner Vororte Vaterstetten, und Haar bei München nach Trudering-Riem (am alten Airport-Gelände) und Berg am Laim direkt auf den mittleren Ring (B2R), Deutschlands staureichste Strecke. In Trudering habe ich noch einmal Pause gemacht, da es doch inzwischen sehr warm war und ich Schatten wollte.

Danach wurde es einfacher, die Strecke kannte ich schließlich. Wenn auch zugegebenermaßen nur mit dem Auto. Aber schlimmer als die B304 mit ihren vielen Ampeln konnte sie nicht sein. Nein, schlimmer war sie nicht. Das ist richtig. Aber es ist schon ein gewaltiger Unterschied zwischen München mit dem Auto und München mit dem Motorrad. Mit einem großen Haufen Blech um einen herum fährt es sich dort entspannter.

Die A95 war erfreulich leer und so konnte ich zügig Richtung Starnberg fahren. Im Ort selber war es dann vorbei mit leeren Straßen. Schon wieder Stau. Aber es gibt ja Alternativrouten, die zudem schöner liegen. Über Niederpöcking, Possenhofen (bekannt durch die spätere Kaiserin Elisabeth von Österreich und Königin von Ungarn), Feldafing, Garatshausen und Tutzing ging es zurück nach Hause. Ja, es ist eine ziemlich geschichtsträchtige Ecke hier.

Und schön obendrein.

Blick in Richtung Hoher Peißenberg

Alles in allem waren es knapp 230 km bei 6,5 Stunden Fahrtzeit (inkl. Pausen). Für die 400km Tour wäre das genau die Stundenzahl, die ich durchhalten müsste. Ich bin heute zwar ziemlich platt, aber ich muss zugeben, das 6-7 Stunden für mich mit den entsprechenden Pausen durchaus machbar sind.
Good to know.

knapp 230 km bei 6,5 Stunden *stolzichbin*

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